Charbel Dagher Gedichte
Cherbel Dagher, geboren 1950 im Libanon, studierte arabische Literatur und Ästhetik in Beirut und an der Sorbonne. Er arbeitete mehrere Jahre als Journalist für verschiedene libanesische Zeitungen and Zeitschriften. Heute lehrt er an der Balamand- Universität im Libanon. Er veröffentlichte mehrere Gedichtbände und wichtige Werke über Lyrik und Kunst. Gedichte zu schreiben ist für ihn „wie ein Brief in einer Flasche, die ins Meer geworfen wurde: Vielleicht findet Sie derjenige, dem der Brief gewidmet wurde, oder jemand anders oder niemand, genauso wie Sprühwasser auf einem Felsen.“
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Wer schreibt? Oder wer schreibt für wen? Und warum schreibe ich?
Aus Hatuob Lail . Dar Al Nahar , Beirut 2001. Seite 106
Es gibt Menschen, die sichere Antworten auf diese Fragen haben. Denn sie schieben die Buchstaben absichtlich über die Schwärze der Blätter und schreiben ihren Namen als einzige Besitzer darunter. Ich bin unentschieden, weil ich manchmal unzufrieden bin, mit dem, was ich schreibe. Ich frage mich: Habe ich als „Söldner“ für eine Person oder für einen Namen gearbeitet, der Cherbel Dagher heißt?
Ich frage mich: Wer ist dieses Ich? Bin ich nicht dieses Ich? Ich kann nichts tun, außer das, was ich tue. Diese Erfahrung habe ich oft gemacht. Manchmal wurde ich wegen meiner Finger belächelt, die nicht einmal zum Tippen auf dem Computer geeignet sind.
Manchmal frage ich mich, wofür ich noch schreibe. Aber es ist eine Form des Kontakts, und ich glaube, davon bin ich überzeugt, Schreiben ist das Zurückgreifen auf einen ersehnten Dialog mit den meistens Abwesenden. Warum nicht? Denn das Schreiben ist für mich - nach französischen Begriffen- das Werke, das ersehnt ist wie ein Brief in einer Flasche, die ins Meer geworfen wurde: Vielleicht findet sie jemand, dem der Brief gewidmet wurde, oder jemand anders oder niemand, genauso wie Sprühwasser auf einem Felsen.
Das arabische moderne Gedicht, wie sich an vielen Beispielen zeigen läßt, bezieht sich auf seine Vergangenheit. Es bildet nicht das, was wir heute einen Text nennen, d.h. eine kreative Schöpfung auf weißem Papier. Denn das ist es, was der moderne Künstler in vielen seiner Werke erreicht, indem das Bild sich auf sich selbst stützt, auf sein Wesen, auf das, was es ausmacht, seine „innere“ Notwendigkeit, wie Kandinsky sagt.
Deswegen bevorzuge ich die Welt der Malerei, die Welt der Betrachtung. Die Dichtung ist bei uns manchmal eine linguistische Prüfung, ein Lob auf die Sprache, eine Formulierung, die kaum Beziehung zu den Sinnen hat. Nur wenige unserer Dichter finden eine Beziehung beispielsweise zu Ibn Rumi oder zu Abu Nawas. Die Sinne, vom Gesichtssinn bis zum Tastsinn, sind bei ihnen keine Schwelle und keine Tür der Erfahrung. Deswegen bleiben sie abhängig von der alten Form. Es gibt die Einzigartigkeit der Sprache in dem Text, der durch Konstruktion, Verzierung und Eleganz gekennzeichnet ist, die mit dem Alltagsleben aber nichts zu tun hat.
Die Poesie ist der Ort, wo der Dichter die Sprache überprüft. Er überprüft die Möglichkeit der Erneuerung, der Änderung und ihre Fähigkeit zum Ausdruck. Denn auch die anderen benutzen die Sprache, nur um etwas auszudrücken, zu sonst nichts. Das heißt das Leben der Sprache wird erfüllt oder verwirklicht, solange der Dichter versucht, sie mit seiner Kreativität zu erneuern. Er beschränkt sich beim Benutzen der Sprache nicht auf Verzierung und Ausschmückung, sondern modelliert sie und verstärkt dadurch ihren Ausdruck.
Übersetzung aus dem Arabischen: Suleman Taufiq.
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Funkelnde Blicke
Die Bläue derjenigen , die sich aus ihrem Fenster beugt
ist ein Tintenfaß für den, der eine Feder führt
und verborgenen Formen leckt
Die Blume von etwas, das ihm widerfährt
ist die sehnsüchtige Schwärmerei eines funkelnden Blicks.
Seltsam
Zu deinen Seltsamkeiten gehört, daß du
ohne mich gelebt
ohne mich geweint
und dich ohne mich gefreut hast
Und heute nun kommst du daher, um dich bei mir zu entschuldigen
der ich ohne dich gelebt
ohne dich geweint
und mich ohne dich gefreut habe
So als seist du zur Zeit der Planeten
oder der Eisenbahnzüge
nicht erschienen
oder als hättest du auf dem gleichen Trottoir
meinen Weg gekreuzt
obwohl doch die Straßen breiten waren
als unsre Schritte
und unser Geruchsinn ist zu beschränkt
um unserem Keuchen folgen zu können
Drum siehst du, daß wir uns lieben, als entschuldigten wir uns
und daß wir uns treffen, als bereuten wir.
Die Genügsamkeit des Stuhls
Der Leib des Gläubigen ist ein kleiner Gemüsegarten:
Gott ist sein Eigentümer, und der Gärtner gräbt ihn um.
Einmal gab der Gläubige sein Leben hin
doch er vergaß, es sich zurückzuholen.
Er wohnte in sich selbst
wie ein Wanderer.
Er entwendete das Leben wie ein Dieb
oder zwinkerte ihm zu
während er dasaß
mit der Genügsamkeit eines Stuhls.
Aus: 'Zwischen Zauber und Zeichen' Herausgegeben von Khalid Al-Maaly – Das Arabische Buch – Berlin, 2000
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Worte sind nicht nützlich, sondern verbeugen sich
Ich näherte mich einem Weg,
der zu meinem Weg wurde,
als meine Hände ausdehnten
und die Blatter des Baumes
zu einem Heft
Meiner fremden Vertrautheit banden.
Mein Zeichen liegt zwischen Schritten,
nicht unter einem Stein,
der sanft in der Vergessenheit ruht.
Die Worte kommen nicht an,
sondern laufen fort.
Meine Zeile wird nicht gerade,
bevor meine Sinne sich entspannen.
Der andere ICH
Der neben mir läuft,
redet nicht mit mir,
grüßt mich nicht am Morgen.
Er kauft die gleiche Zeitung,
zerreißt sie vor meinem Gesicht,
geht weiter ins Café
und wartet auf mich.
Mein Vater brachte mich zurück in die Schule
die er verlassen hatte
Ohne Abschluss.
Der Lehrer brachte mich zurück zu den Buchstaben,
die meine Geschwister für mich zurückgelassen hatten
oder für die anderen,
zu den Lettern und den ausradierten Buchstaben,
die man verschieden lesen kann,
im Grunde stammen sie aus zwei Sprachen wie das Karschoni.
Wir lesen sie einer Sprache,
und sie nützen uns in einer anderen Sprache.
Wechselnde Gesichter
Ein Gesicht folgt einem Gesicht.
Es liest in einem verschleierten Gesicht.
Ein Gesicht ohne Spiegel
gelangt nicht ans Fenster,
hat nur eine Farbe
und ein sanftes Rauschen im Verborgenen des Wassers.
Ich habe ein Gesicht,
das in meiner Tasche versteckt ist
und dem ich nur im Geheimen näher komme.
Aus : 'Neue arabische Lyrik ' – Herausgegeben und übersetzt von Suleman Taufiq-
Deutscher Taschenbuch Verlag- München – Oktober 2004